Warum das Ankommen, nach dem wir suchen, nicht existiert
Viele Menschen warten darauf, bei sich selbst anzukommen. Sie arbeiten hin auf dieses eine Ziel, diese Lebenssituation, die alles besser machen wird. Aber dieses Ziel kann man nicht erreichen, denn was die meisten wirklich suchen, ist ein Gefühl von Sicherheit, von Stabilität, von Ruhe im Kopf. Das Gefühl, dass die Säulen des eigenen Lebens endlich tragen, dass nichts mehr wackelt, dass man nicht ständig nachjustieren oder etwas wiederaufbauen muss. Aber diese Stabilität ist trügerisch, denn sie ist ein Zustand – und genau darin liegt die Schwierigkeit. Alles, was lebt, ist in Bewegung. Alles, was sich bewegt, verändert sich. Der Moment, in dem es sich ruhig anfühlt, existiert durchaus, aber er ist nicht haltbar. Kaum ist er da, beginnt er sich schon wieder aufzulösen. Das Gefühl des Angekommenseins ist zerbrechlich, flüchtig, nicht weil etwas falsch läuft, sondern weil das einfach die Natur des Lebens ist. Wer darauf wartet, anzukommen, wartet letztlich auf einen Zeitpunkt, der so nicht existieren kann.
Das Selbst im Yoga ist kein Ort
Im Yoga heißt es oft: Man muss bei sich selbst ankommen. Doch was ist eigentlich mit diesem „Selbst“ gemeint? Das Selbst ist nicht der Körper, auch wenn der Körper ein Teil davon ist. Es ist nicht die Persönlichkeit, nicht die Geschichte, nicht einmal das Erleben von Emotionen oder Gedanken. Das Selbst, von dem die Yogaphilosophie spricht, ist nichts, das man erreichen könnte, kein inneres Ziel, kein Zustand, den man stabilisieren müsste. Es ist das große Ganze, in dem alles existiert. Man könnte also sagen: Die Seele ist nicht im Körper, der Körper ist in der Seele. Das Ziel von Yoga ist nicht, sich selbst zu finden, sondern ein Bewusstsein für die Verbundenheit mit diesem Größeren zu erlangen. Yoga beschreibt auch keinen Weg zu einem besseren Ich, sondern den Weg einer Erkenntnis darüber, was immer schon da ist, jenseits dessen, was wir wahrnehmen können. Das Selbst ist schwer mit Worten zu beschreiben, weil es keine Definition hat. Es ist die undefinierbare Unendlichkeit, wie ein undenkbarer Gedanke.
Was modernes Yoga lehrt – und was dabei oft verloren geht
Wenn man Yoga aus dieser Perspektive betrachtet, wird deutlich, warum modernes Yoga oft am wahren Kern vorbei praktiziert wird. Das heutige Üben zielt selten auf Selbsterkenntnis, sondern auf Verkörperung, Regulation, Präsenz, Stabilität. Das ist nicht falsch, im Gegenteil – der Körper ist ein wichtiger Zugang, wie ein Tor, ein Ort, an dem Bewusstsein (zumindest im Ansatz) spürbar werden kann. Doch Selbsterkenntnis im eigentlichen Sinne würde bedeuten, jede Identifikation loszulassen, alle Sicherheiten aufzugeben, Kontrolle infrage zu stellen. Und mal ehrlich, wer will das schon wirklich? So wird Yoga heute zu etwas, das auf der Matte stattfindet, zu einer Praxis, die Übende nicht ankommen lässt, sondern meistens noch die Illusion bestärkt. Es fühlt sich vielleicht einen Moment nach Ankommen an, weil für den Moment der Yogaklasse all diese Bedürfnisse erfüllt sind: ein sicherer Ort, ein Gefühl von Verbundenheit, ein klarer Geist, ein entspanntes Nervensystem. Aber philosophisch gesehen, wird dieser Zustand nicht bleiben. Er ist flüchtig und die spirituelle Praxis wird zu einer neuen Anhaftung an etwas, nämlich an die Spiritualität bzw. die Yogapraxis selbst. Abhängig von der Yogapraxis. Nicht erreichbar, sobald ein Pfeiler des Lebens wackelt. Und die Pfeiler werden immer wackeln …
Die passende Körperarbeit, um das Bewusstsein zu stärken
Wie schon erwähnt, ist der Körper ein wichtiges Instrument, unser einziges, genaugenommen. Mit einem Körpersystem aus der Balance oder einem dysregulierten Nervensystem wird man es sehr schwer haben, ein Bewusstsein für das wahre Selbst zu erlangen. Auf meinem Weg als Yogatherapeutin habe ich festgestellt, dass gerade sanfte Körperarbeit, wie zum Beispiel Yin Yoga, den meisten Menschen in Bezug auf tiefere Einsichten und persönliche Entwicklung viel dienlicher ist, als ein Vinyasa Flow oder andere Praktiken. Denn erfahrungsgemäß haben die wenigsten Yogis eine so regelmäßige und disziplinierte körperliche Praxis, als dass es ihnen möglich wäre, in absoluter neutraler Leichtigkeit einen in der Bewegung meditativen Zustand für tiefere Einsichten zu erreichen.
Yin Yoga ist nicht nur langsamer und sanfter, sondern es macht das Festhalten selbst sichtbar, wenn man den Körper loslassen soll. Menschen können den Zusammenhang zwischen Körper, Geist, ihrer Umwelt und dem, was wir die Seele nennen würden, besser greifen, wenn sie zuerst körperlich entspannen lernen. Für viele Menschen ist selbst das eine große Herausforderung, und ich denke, wir brauchen nicht noch mehr, sondern weniger, damit Erkenntnisse geschehen können. Die Stille Praxis lädt auch dazu ein, alles bewusst wahrzunehmen, auch das, was wir überdecken. Und vielleicht entsteht in genau einer solch unscheinbaren Übung etwas mehr Bewusstsein für das, was ist. Wer näher bei sich selbst, dem wahren Selbst, ankommen will, muss genau das tun: erkennen, was ist, um zu verstehen, dass das nicht die eine Wahrheit ist.
Was wirklich verändert
Was wirklich verändert, ist eigentlich nicht das Ankommen, sondern der Weg dorthin, aber nur, wenn man nicht danach strebt, je anzukommen. Man wird nicht frei, wenn man glücklich ist oder alle Sehnsüchte erfüllt sind. Nicht, indem man nach einem Zustand strebt, sondern indem man lernt, das Ziel selbst loszulassen. Der Körper kann dabei eine zentrale Rolle spielen, aber Yoga ist nicht das, was wir tun, sondern das, was wir erkennen, während wir etwas tun. Wenn wir den Fokus ausschließlich auf das äußere Üben legen, verlieren wir leicht das, was im Inneren wirklich bewegt. Wahres Yoga beginnt dort, wo wir aufhören, etwas aus uns machen zu wollen, und anfangen zu verstehen, dass wir nie etwas sein werden. Es muss sich nichts in unserem Leben verändern, damit wir ankommen. Wir müssen nur still werden und beobachten.
Denn wir sind längst da.
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